90°0’0″S

a radioplay by Maren Kames, Milena Kipfmüller, Klaus Janek for swr – broadcast june 26th swr2

“Nimm meinen Schädel in die Hand je eine Schläfe, und justier meinen Schlaf Richtung Süden, wo die Pole längst schmelzen, an den Kappen schon Schollen und das Land längs meiner weißen Angst heißt Antarktika, heiß wa? – Du hängst mir unter der Kopfhaut zu den Sohlen raus, bis zu den Antipoden, wo zu meinen Füßen fläzt mein Schädel und sonnt sich in seiner geographischen Breite 90° 0‘ 0‘‘ S steck mir ein Senklot südlich ins Hirn, nimm den Kopf in die Hand wie ein bauchiges Glas, schwenk aus, lass tropfen, schenk reines Eis nach, den Schmelz bringen wir schon ins Lot noch mit der Rotation der Achsen. Kalt hier? Lass schlafen.”

90° 0‘ 0‘‘ S – der geografische Südpol, der auf dem Kontinent Antarktika unter dem ewigen Eis liegt, wird zum Ausgangspunkt einer Erkundung. Eine Stimme schlägt Schneisen ins Land. Tiefst möglich beugt sie sich über die Häufchen dessen, was sie auftreiben konnte, und sie sticht darin herum. Und sie spricht sie an: “Guten Tag, ich habe eine Bestellung aufzugeben. Ich soll das Land hier bestellen. Bestellt das Land mit Folgendem. Es geht um eine große Besorgung.” Ihr intimes, fast solipsistisches Sprechen wird flankiert und unterbrochen von anderen Stimmen, Gegenreden, Du-Ansprachen. Die Stimmen und Berichte aus dem Land überlagern sich, verstummen und treten an anderer Stelle wie Echos und Erinnerungen wieder auf. Kopflandschaften und Kontinente schieben sich ineinander. Und vielleicht ist es so: An diesen Schollen ist das Land zusammengenäht. Hier wird es reißen. Die Texte bedienen viele sprachliche Register, entwickeln eine eigene Melodie, eine Partitur voller Humor, ebenso unterhaltsam wie hochliterarisch und poetisch. Mit der Regisseurin Milena Kipfmüller und dem Komponisten Klaus Janek, die seit 2013 auch im Künstler-Duo an der Schnittstelle von Performance, Radio- und Klangkunst arbeiten, übersetzt die Autorin die Textlandschaft in eine Soundlandschaft.

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat die SWR Produktion ’90° 0‘ 0“ S’ von Maren Kames, Milena Kipfmüller und Klaus Janek als Hörspiel des Monats Juni ausgezeichnet.

Die Begründung der Jury:

„Emotionalisierend, melangierend, introspektiv – das Hörspiel 90° 0‘ 0‘‘ S überrascht durch ungewöhnliche Produktionsbedingungen und ragt mit seiner gelungenen Mischung von Klang, Text und Musik heraus.
In experimenteller Weise durchdringen sich diese Darstellungsgenres auf kunstvolle Weise. Das Hörspiel schildert eine fiktive Reise zur Antarktis, in die Kälte, Einsamkeit und Weite; eine Reise, die einer freiwilligen Selbstentäußerung gleich kommt. Die drei Künstler Maren Kames (Autorin), Milena Kipfmüller (Regisseurin) und Claus Janek (Komponist) erhielten mit Unterstützung des SWR-Realisationsteams die Möglichkeit in einer abgeschlossenen Produktionsatmosphäre in gleichberechtigter Arbeitsweise eine außergewöhnliche Kunstform zu schaffen.
Herausragende Verfremdungseffekte, das Changieren verschiedener Ebenen, insbesondere auch auf einer künstlerischen Metaebene, fördern eine neue, inspirierende Sicht auf die Welten. Wichtige Komponenten von Maren Kames‘ Inszenierungsmethode – sich fremd machen, den Blick weit stellen, die Dinge neu wahrnehmen – führen dazu, dass Hörerinnen und Hörer neugierig in die Erzählung eintauchen, sich ihr bedingungslos ausliefern und schließlich distanzlos in ihr aufgehen.
Ein elementarer Baustein dabei ist Maren Kames‘ Aufsehen erregender Gedichtband „Halb Taube Halb Pfau“.
90° 0‘ 0‘‘ S bewegt sich in einem unabgeschlossen Zeitfluss, zwischen dem lyrischen Ich und konkreten geografischen Orten. Es entwickelt eine enorme Spannweite und evoziert bizarre Ideen und spontane Assoziationen, die eine konventionelle Handlung überflüssig zu machen scheinen. Das Hörspiel lässt den Sätzen Raum zu wirken und pendelt so zwischen der Weite der erzählten Kopf-Landschaft und den unwirtlichen Bedingungen der realen Antarktis – schmale, scharfe Grenzen in unwägbarem Weiß. Es arbeitet mit ungewöhnlichen, poetischen Metaphern: Momente in fein ziselierter Sprache, genaue Beobachtungen von authentischen Begebenheiten in der südpolaren Fremde. Eindringliche Motive von Einsamkeit und Kälte lassen sich hier erstaunlicherweise als Möglichkeit von Freiheit verstehen.
Claus Janeks Soundscapes, Klangstrukturen und Imitationen menschlicher Lautäußerung verstärken die lyrische Ebene des Stücks. Seine Klangpoesie tritt manchmal schillernd in den Vordergrund, um sich dann aber sofort wieder unterzuordnen und den Fluss des Hörspiels mittels ihrer hochartifiziellen Eigenständigkeit wirkungsvoll zu unterstützen. Janeks Kompositionen zeichnen sich aus durch originelle Klangästhetik und dichte Atmosphärengestaltung, Eigenschaften, die das Hörspiel auch ohne direktes Verstehen der Worte zu einem spannenden Erlebnis werden lassen.“

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